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ich, am Weg

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Vertical Up Kitzbühel 2016
28.02.2016 12:12

NACH SCHOCK-MOMENT FOLGT GROSSE FREUDE

Man sagt sie sei die gefährlichste, schwierigste, unberechenbarste aber auf jedenfall bekannteste Abfahrtsstrecke der Welt. Die "Streif" in Kitzbühel. 3,3 Kilometer lang. 870 Höhenmeter. Steilste Neigung 85% Gefälle. Alle die sich mit zwei Brettern unter den Füssen todesmutig da runter jagen, und dabei Kopf und Kragen riskieren, werden als Helden gefeiert.

Beim Vertical Up wird diese legendäre Streif jedoch von Unten nach Oben bewältigt - zu Fuss!
Regeln? Gibt es nicht! Man muss nur alles aus eigener Kraft antreiben.

Im Vorjahr war das Vertical Up DER Event, welcher mich animierte über den Winter intensiver zu trainieren. Drei Monate hatte ich mich vorbereitet und dennoch stieß ich bei meinem ersten Antreten an meine Grenzen. Ich erlebte alles. Tolle Sportler und herausragende Menschen welche sich gegenseitig unterstützten und anfeuerten. Es hat etwas von diesem "Wir-" Gefühl. Leider musste ich aber auch die Schattenseiten mitansehen wie Unfälle am Hausberg oder bei der Mausefalle. Am Ende krabbelte ich nach 1 Stunde und 44 Minuten ins Ziel.

Wir schreiben das Jahr 2016 !!!

Aus dem Vertical Up wurde nun die Vertical Up Tour welche in Hinterstoder, Pinzolo, Kitzbühel und Wengen halt macht. Mein Ziel war primär die Streif noch mal zu erstürmen um meine Zeit zu unterbieten. Die Destination in Hinterstoder kam mir sehr gelegen, da ich dort so zu sagen schon mal den Ernstfall unter neuen Rahmenbedingungen testen konnte. (siehe Blogeintrag Hinterstoder)

An die 1000 Teilnehmer lockte die Streif dieses Jahr wieder an. Schon seit Wochen waren die Startplätze restlos vergeben. Das Wetter war optimal. Fast so wie im Vorjahr. Ich kam um 15:30 in Kitzbühel an und holte mir meine Startnummer im K3 Center. Danach marschierte ich zum Zielhaus am unteren Ende des Hausberges, dort wo bei der Abfahrt der Zielsprung verläuft. Ich machte mich startklar und wärmte mich auf.
Diesmal durften die Teilnehmer bereits das Startareal nutzen um sich mit der Beschaffenheit vertraut zu machen. Und so marschierte ich nach oben bis zur 6 Meter hohen Gamstafel. Und ab diesen Moment wusste ich "Heute bin ich super in drauf. Heute fällt meine Bestzeit". Doch es sollte zunächst anders kommen.

18:30 - 1000 Starter stehen am Start. Ein Kanonenschuss wird zum Startsignal.
Ich laufe los - ja ich laufe! Ich strotze voller Energie. Ich weis, heute muss ich bei den weniger steilen Passagen schneller sein als normales Schritttempo. Nur dann pack ich meine Zeit bei weitem.
Ich überwinde den Zielsprung ohne Probleme und stehe nun vor der Abzweigung Hausberg mit Hausbergkante und Familienstreif richtung Slalom Hang. Für mich ist klar - wie im Vorjahr gibts für mich nur die originale Strecke.

Schon bald zeigt der steile Hausberg sein wahres Gesicht. Doch das kannte ich aus dem Vorjahr. Ich konzentrierte mich nur auf mich und mein persönliches Tempo sowie meine Technik - Spikes und Walkingstöcke! Ganze Sohle, Stöcke einpieksen, Schwerpunkt vorne Halten, Nachziehen. - Toll wie das heute funktioniert

Doch dann folgt bereits der erste Schrei "Achtung!" und das Menschenbowling beginnt - wie schon im Vorjahr - erneut. Der Hausberg ist heuer pickelhart vereist. Ich tu´ mir sogar schwer meine Stöcke in das Eis zu stoßen. Das Problem haben auch andere Teilnehmer, rutschten aus und kullerten den steilen Hang hinunter. Das ist mitunter sehr gefährlich, weil man dabei ein hohes Tempo erreicht und seinen Fall nicht steuern kann. Rutscht Jemand vor dir aus bist du ebenfalls weg. Obwohl ich also super drauf bin beschließe ich kein Risiko zu nehmen und entscheide mich - wie viele Andere auch - mitten am Hang den Weg ganz rechts zur Seite zu wagen. So bildet sich zwar ein Stau, aber dort kommt man besser voran.

UND DANN passiert es. Gut 10 Meter vor mir rutscht ein Läufer aus und kann sich nicht halten. Instinktiv mache ich einen Schritt zur Seite, so das er mich nicht über den Haufen rutscht. Doch nun habe ich das Dilemma. Mein rechter Fuss ist nun zu weit weg. Mein Körpergewicht ist nicht mehr ausgeglichen verteilt. Ich hole mit dem rechten Walkingstock aus um die Stahlspitze ins Eis zu rammen. Doch durch die Hektik fahre ich ins Leere und durch den Stoß verliere ich das Gleichgewicht endgültig...

...und was binnen weniger Sekunden passiert erscheint dir wie eine gefühlte Ewigkeit. Du weist was Dich nun erwartet. Du weist das du gleich sehr hart fallen wirst. Du weist das du keine Chance mehr hast dich festzuhalten. Du weist das du jetzt absolut keine Chance mehr hast deinen Fall zu verhindern...

"Platsch" Ich lande rechts unsanft auf meine Rippen und auch mein rechts Knie knallt am harten Eis auf. Danach kommst Du dir vor wie in einer Waschmaschiene. Links - Rechts - Rauf - Runter - Quer - Vertikal - Alles!
Du wirst schneller und schneller und du hoffst nur das da jetzt nicht irgendwo ein Gegenstand - oder womöglich sogar ein Mensch - deinen Weg kreuzt. Du kannst nämlich nichts machen. Bist nur Passagier.

Eine Kerbe mit etwas tieferen Schnee bremst meine Rutschpartie und ich bekomme eine kühle Schneemaske ab. Dann ist es kurz still. Mein erster Gedanke - mein rechtes Knie! Das hat weh getan. Hoffentlich ist da alles heil. Ich greife mit dem rechten Arm hin und merke das ich kein Gefühl im Mittelfinger der rechten Hand habe. Der war eiskalt. Womöglich habe ich mich krampfhaft versucht am Eis festzukrallen. Ich beschließe nicht liegen zu bleiben, da ich sonst auskühle und springe schnell auf. Auch um den Streckenpoten zu signalisieren das alles halbwegs ok ist. Doch ist es das? Mal sehen. Rippen? - Ok! Knie? - Phu, scheint auch gut zu sein. Mittelfinger? Blutversorgung ist wieder da. Dann überkommt es mich. Das waren jetzt gut 80 Meter oder mehr? Hinter mir sind vielleicht noch 5 Teilnehmer und der Abschluss- Rennposten.  Oh nein! Ich bin wirklich gestürzt! Das hol ich niemals auf! Ich stampfe weiter, will intuitiv wieder auf den Hausberg. Doch ein Rennposten fährt auf seinen Skiern zu mir und sagt das die Rucksack Klasse jetzt doch besser über den Slalom Hang gehen sollte. Ernsthaft? Und das können die nicht früher sa.... ach was solls. Das spielt jetzt ohnehin keine Rolle mehr.

Noch ziemlich erschrocken stapfe ich also über den Slalom Hang. Weit abgeschlagen vom restlichen Feld und wohl auch hinter meiner persönlichen Bestzeit. Und nun ging ich auch noch den Weg der etwas länger ist als der Hausberg. Nach dem Schrecken folgt dann das obligatorische - jeder ist Schuld nur Du selbst nicht - gefolgt vom - ich bin so dumm. wieso ich?

Und während ich mich das frage bemerke ich wie meine Beine mich immer besser über den Hang tragen. Gerade habe ich gefühlte 10 Teilnehmer überholt. Und das nicht mal auf einer Ebene. Und als mir das bewusst wird weichen alle diese Gedanken einem Einzigen "So du deppater Hügel - mit mir nicht" *ggg*
Wenn dies das Ende meines Vorhabens einer besseren Zeit sein sollte, dann sollte Kitzbühl noch einmal einen Karwendelkiller erleben wie sonst noch nie. Mit diesen Gedanken motiviere ich mich und starte nun voll durch.

Ich trabe hoch zur Hausbergkante und nehme die Schneise rauf zur Seidlalm ohne größere Mühe. Bei der Labestelle drückt man mir einen Tee in die Hand. Ich trink den Becher aus und gebe ihm den nächsten Streckenposten. Ich muss weiter. Nun spüre ich doch das Knie und die Rippen - aber ich muss weiter.

Bei der alten Schneise weis ich - geht es für einen Moment bergab - das muss ich nutzen! Ich "laufe" den Trichter hinab und nehme den Schwung mit nach oben zum steileren anderen Ende des Trichters. Oben angelangt folgt das "angenehmste" Stück. Eine fast Ebene strecke bis zum Einstig in den Steilhang. Diesen erlaufe ich fast und erreiche den Steilhang. Der ist ebenfalls festgefrohren und die Läufer wissen mittlerweile was sie zu tun haben. Genau - alle rechts! Schritt für Schritt! Stau! Egal - jetzt möchte auch nicht noch einmal abrutschten.

Nachdem Steilhang wird es laut. Man hört bereits die Moderation vom Streif Starthaus - unser Ziel! Und dann gibt es das Wiedersehen mit der Mausefalle, welche mit griffigen Tiefschnee eine richtige Wohltat ist. Das erste Stück stapfe ich hoch. Bei den 85% Gefälle nehme ich wieder das Seil zur Hilfe. Wenn man nicht auf allen Vieren klettern will brauchst Du es.

Aber dann kurz vor dem Ziel höre ich wie der Moderator sagt "Wir haben nun 1 Stunde 30 Minuten..."

Was?! WAS?! Hab ich mich verhört? Nur noch der Startschuss und ich bin bei 1,5 Std? Es sind noch 100 steile Meter ins Ziel. Das Teilnehmer Paket vor mir stapft links neben dem Holzzaun über plattgetretene Fuss-Stufen nach oben. Nein - das dauert mir zu lange! Ich hole alles aus mir raus und wähle die Querfeldein Variante. Ich beisse, stapfe, piekse - überhole das Feld und stürze nach 1 Stunde 33 Minuten ins Ziel. Ich hatte meine persönliche Bestzeit trotz Sturz und Umleitung auf einen längeren Weg um knapp 12 Minuten unterboten.

Diese Medailie bekommt einen Ehrenplatz!

Sie wird mich immer daran erinnern das man immer wieder aufstehen muss, egal wie oft man zu Boden geht.
Fortuna hat mich vor einer Verletzung bewahrt und meine mentale Einstellung mit meiner Bestzeit belohnt.
Ich bin wirklich sehr dankbar und versuche dabei demütig zu bleiben.

Trotzdem fahlem Beigeschmack reise ich glücklich heimwärts.

Infosbox:

Vertical Up

Schloss Laudon & Grabmal

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