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ich, am Weg

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Au
Karwendelmarsch 2016
29.08.2016 19:28

Pertisau am Achensee, 29. August 2015 - mit blutigen Zehen und von der Hitze völlig ausgezehrt erreiche ich nach 52 hammerharten Kilometern das Ziel des Karwendelmarschs. 12 Stunden und 27 Minuten dauerte dieser Kraftakt voller Schmerz, Ungewissheit und Unerfahrenheit ehe mich meine Freunde im Ziel mit Beifall empfingen. Emotion pur! An diesem spätsommerlichen Abend wurde mein Spitzname "Karwendelkiller" geboren...

Die Rückkehr des Karwendelkillers...

Ein Jahr und viele Trainingseinheiten später kehrt der Karwendelkiller zurück an jenem Ort der mir einst meine Grenzen aufzeigte. Mit besserem Schuhwerk und realistischer Selbsteinschätzung habe ich mir auch ein Ziel gesetzt. Diesmal will ich die 52 Kilometer von Scharnitz nach Pertisau am Achensee in einer Zeit zwischen 11 und 11,5 Std. schaffen. Hierbei würde ich um Laufpassagen nicht herum kommen. Es muss einfach alles passen.

Déjà-vu zum Vorjahr...

Kennt Ihr diese Momente wenn man einen Ort genau so vorfindet wie man ihn verlassen hat obwohl ein ganzes Jahr dazwischen liegt? So ging es mir diesmal. Das gleiche Wetter, die gleichen warmen Temperaturen, der gleiche Lichteinfall. Als hätte ich nur kurz die Augen geschlossen und wäre ein Jahr später aufgewacht. Im Vorjahr reiste ich gemeinsam mit Wolfang am Vortag mit dem Auto nach Scharnitz zur Startnummernausgabe. Dieses Jahr darf ich Franz begleiten. Wie im Vorjahr speise ich im selben Lokal am selben Sessel zu Mittag. Kaum in Pertisau am Achensee angekommen wartet das selbe Hotel und das selbe Appartment. Ich fühle mich sofort wohl. Es ist tatsächlich wie ein Reset-Knopf der es mir ermöglich unter den gleichen Konditionen noch einmal vom Status Quo starten zu dürfen.

Der Bewerb...

Um 3 Uhr rappelt der Wecker. Doch ich bin schon seit einigen Minuten wach und topmotiviert. Letztes Jahr war ich noch total aufgeregt. Diesmal ist es eine angenehme Vorfreude. Um 3:45 marschieren Franz, der im übrigen auch mein Zimmernachbar ist, und ich vor das Hotel zum Bustransfer. Um kurz vor 4 Uhr steigen wir, wie viele andere Teilnehmer, in den Bus der uns nach Scharnitz zum Startareal bringt. Um ca. 5:15 kommen wir an und treffen auf Lydia und Willi. Damit ist "fast" die gleiche Crew am Start wie im Vorjahr.
Lydia ist leider nicht top fit, aber Franz, Willi und ich brennen auf den Start. Um 6:00 fällt der Startschuss für 2500 Teilnehmer. Der Event ist ausgebucht. Die Stimmung großartig. Die Sonne geht gerade über Scharnitz auf und unsere Karwendel-Crew teilt sich zum ersten Mal auf. Lydia macht ihr eigenes Tempo. Franz, Willi und ich starten flott und versuchen sogleich einige Menschentrauben und Ketten zu überholen. Teilweise im Laufschritt, teilweise mit unseren Teleskopstöcken im schnellen Walkingtempo.

Abschnitt Scharnitz zum Schafstallboden auf 1.173 Höhenmeter / 0 bis 9,6 Kilometer

Noch liegt der Schatten im Karwendelgebirge und es geht nur mäßig bergauf. Phasenweise zieht der Kiesweg auch abwärts. Willi gibt das Tempo vor. Franz und ich folgen ihm. Wir legen einige Minuten im Laufschritt zurück und kommen recht gut voran. Wir erreichen putzmunter die erste Labestation. Ich fühle mich super und möchte im nächsten Abschnitt etwas ausprobieren.

Auf dem Weg zum Karwendelhaus

Abschnitt Schafstallboden von 1.173 zum Karwendelhaus auf 1.771 Höhenmeter / von 9,6 auf 18,2 Kilometer

Ich verlasse unsere Gruppe und lege noch weitere Kilometer im Laufschritt zurück. Dies hatte ich mir schon in meiner Planung vorgenommen. Solange das Tal noch relativ eben verläuft wollte ich das zügige Tempo halten. Wohl wissend das ich dann beim Bergauf meine Schwächen habe und unser Bergfex Willi - der am Berg sehr stark ist - mich wieder einholen würde. Die Frage war nur wann. Und so kommt es dann auch. Nur wenige Minuten nachdem ich die Labestation am Karwendelhaus erreichte, hat Willi zu mir aufgeschlossen. Inzwischen hatte Franz beschlossen sein eigenes Tempo zu machen und blieb zurück. Willi und ich sind noch relativ frisch und guter Dinge. Ich weis, jetzt kommt eine langes Stück bergab. Hier kann ich von Willis Zugkraft als Läufer profitieren und hefte mich motiviert an seine Fersen.

gleich geht es laufend hinab zum kleinen Ahornboden

Abschnitt Karwendelhaus auf 1.771m zum kleinen Ahornboden auf 1.399m / von 18,2 auf 24,2 Kilometer

Wenn man beim Karwendelmarsch Zeit gutmachen möchte, dann eignet sich dieser Abschnitt doch recht gut. Er verläuft fast nur seicht bergab. Zwar verliert man viele Höhenmeter die man später wieder einbringen muss, aber man hat doch die Möglichkeit seine Muskeln beim Abwärtsjoggen zu lockern. Und das tun wir auch. Diesen Bereich laufen Willi und ich fast durch. Nur hin und wieder verringern wir das Tempo um anderen Teilnehmern auszuweichen. Auch laut Statistik würden wir hier unseren besten Schnitt zurücklegen. Und so erreichen wir relativ rasch den kleinen Ahornboden und damit fast schon die Hälfte der Tour. Doch wir wissen genau was uns nun erwartet.

Willi und ich beim kleinen Ahornboden

Abschnitt kleiner Ahornboden von 1.399m zur Falkenhütte auf 1.848m / von 24,2 auf 30,2 Kilometer

Der Aufstieg zur Falkenhütte kann schon ein brutales Stück sein. Vorallem wenn die Sonne mittlerweile relativ hoch steht und über 400 Höhenmeter erklommen werden müssen. Und hier zeigt Willi wieder was er kann. Natürlich fällt es ihm genau so schwer bei der Hitze weiter empor zu steigen, aber durch seine Erfahrung als Läufer und Berggeher kann er sein zügiges Tempo halten. Ich kämpfe brav, gebe alles um den Anschluss zu halten, kann aber mit Willi hier nicht mithalten. Vorallem die Ladizalm ist bei 30 Grad + eine Herausforderung für Körper und Geist. Das letzte Stück zur Falkenhütte ist ein kleiner Querfeldein-Steig über eine freie Weidefläche. Willi ackert - er legt sich ins Zeug, leidet lieber brutal und hat es schneller hinter sich. Ich bewege mich am Limit, aber nie so um den Kreislauf zu gefährden. Bei der Falkenhütte angekommen machen sich die 30 Kilometer aber erstmals bemerktbar.

Ich, kurz vor der Falkenhütte (Foto by Werbegams)

Abschnitt Falkenhütte auf 1.848m zur Engalm auf 1.227m / von 30,2 auf 35 Kilometer

So schön die Aussicht auf der Falkenhütte auch ist, wir haben keine Zeit darüber nachzudenken. Willi kämpft mit dem Kreislauf. Sein hohes Tempo auf dem Berg schlägt auf den Magen. Die Hitze hat auch mich brutal geschafft. Wir stärken uns und setzen die Tour fort.
Zunächst geht es wieder etwas abwärts bis zur mächtigen Felswand der Laliderer Reisen. Diese schenkt uns Schatten am Weg über das Geröll. Solange es abkühlt und die Sonne mir fern bleibt bin ich leistungsfähig. Sobald ich der Sonne ausgesetzt bin schwindet meine Energie. Damit habe ich zu kämpfen. Willi wird von Schritt zu Schritt wieder aktiver. Beim endlos scheinenden Abstieg zur Engalm am großen Ahornboden mutiert Willi wieder zum Bergläufer. Zwar bleibt vor dem Abstieg noch Zeit für ein gemeinsames Foto, aber dann zieht er ab wie eine Rakete. Ich kann ihm zwar noch auf 1-2 Kilometer folgen, aber dann melden sich meine Knie. Das ständige abbremsen abwärts tut mir nicht gut und ich nehme mein Tempo raus. Dieser Abschnitt zieht sich ziemlich in die Länge und ist aufgrund seiner Wegbeschaffenheit nicht ganz ungefährlich. (Gestein, Wurzeln, ...)
Willi erreicht die Engalm einige Minuten vor mir. Er scheint unendlich viel Energie zu haben und ich bin leicht frustriert aufgrund meiner Knie die da nicht ganz mitspielen wollen. Aber bei der Engalm wird dann einiges klar...

Team Killer/Fex vor dem Abstieg zur Engalm (Foto by Werbegams)

Abschnitt Eng Alm auf 1.227m über die Binsalm auf 1.502 und dem Gramaisattel mit 1.902m zum Gramai Hochleger auf 1.756m
von 35 auf 41,5 Kilometer

Die Engalm ist ein wichtiger Checkpoint. Alle Teilnehmer die sich für 35 Kilometer angemeldet haben sind nun am Ziel angelangt. Für Lydia und Franz ist hier Schluss. Die Vernunft siegt. Lydia kämpft sich trotz Kreislaufproblemen ins Ziel. Franz gibt sich bei seinem ersten Antreten mit 35 Kilometer zufrieden. Respekt - der Weg dorthin ist nämlich schon eine kleine Meisterleistung und nicht selbstverständlich.

Das Team Karwendelkiller/Bergfex sammelt seine letzten Kräfte. Obwohl mir die letzten Auf und Abs doch sehr in den Waden hängen erhole ich mich recht gut. Willi hingegen wirkt ausgepowert. War er mir am Berg und zuletzt auch beim Abwerätslaufen eine Klasse voraus, so scheint es, als benötigt er jetzt unseren Teamspirit. Wir haben Beide bislang alles gegeben. Und jetzt wollen wir auch das Monsterstück der 52 Kilometer knacken. Und das ist der Gramaisattel zwischen der Binsalm und dem Gramaihochleger. Der Sattel befindet sich auf 1.902m was zugleich der höchste Punkt der Tour ist. Doch nicht nur das macht den Aufstieg so brutal. So befindet sich dieser in einem Minikar und ist relativ steil. Zumindest macht man sehr schnell Höhenmeter und allein sein Anblick bringt einige Teilnehmer dazu doch den Bewerb abzubrechen. (Wahre Geschichte)
Im Vorjahr war ich hier unter brütender Hitze tausend Tode gestorben. Diesmal ist es nicht ganz so schlimm. Hin und wieder bedecken kleine Wolken die Sonne und ein sanftes Lüftchen weht hin und wieder durch. Das macht den Weg zwar nicht leichter, aber erträglicher. "Wir marschieren mit Hirn" sagt Willi und er hat recht. Wir kämpfen, kratzen, beissen, kommen aber dank zwei gut durchdachten Pausen am Sattel an und lassen uns erleichtert in die Arme des Gramai Hochlegers fallen.

der gefürchtete Gramai-Sattel (1.902m) (Foto by Werbegams)

Abschnitt Gramai Hochleger auf 1.756 hinab zur Gramai Alm auf 1.263 und weiter über die Falzturn Alm auf 1.098m ins Ziel nach Pertisau
von 41,5 auf 52 Kilometer

Erleichterung macht sich breit! Willi und ich sind erschöpft aber heilfroh das schwerste Stück geschafft zu haben. Wir stärken uns beim Gramai Hochleger und wissen - jetzt gehts nur noch bergab.
Und mit diesem Elan werden neue Kräfte freigesetzt. Wir laufen nun an die 500 Höhenmeter hinab zur Gramai Alm und erreichen hoch erfreut das Falzturn Tal. Von hier sind es noch ca. 10 Kilometer bis ins Ziel. Die Vorfreude über unseren Zieleinlauf setzt neue Energie frei die wir gut verarbeiten. Arme und Beine sind zwar schwer aber der Kopf ist wieder klar. Und so suchen wir uns noch einige nette Gesprächsthemen um uns über die letzten Kilometer, welche fast eben verlaufen, drüber zu retten.

Auch wenn man es uns nicht ansieht, so werden wir Beide doch emotional als wir Pertisau am Achensee erreichen. Vergessen ist die Hitze, der Schmerz, die Müdigkeit oder der Gedanke das dies unser letztes Antreten wäre.

Die letzten Meter absolvieren wir trabend und stürtzen Seite an Seite überglücklich ins Ziel nach 11 Stunden und 21 Minuten. Die Atmospähre im Zielareal ist großartig. Jeder der hier ins Ziel kommt wird gefeiert. Auch Lydia und Franz erwarten uns bereits zufrieden. Wir holen uns noch die Finishermedailie, rasten uns ein wenig aus, und begeben uns schließlich zur wohlverdienten Feier.

Team Killer/Fex erreicht gemeinsam das Ziel in Pertisau am Achensee nach 11 Stunden und 21 Minuten (Foto by Werbegams)

Fazit:

Juhu - ich habe mein Ziel erreicht! Fast sogar mit einer Punktlandung! Mit 11 Stunden 21 Minuten kam ich also in meinen Zielkorridor. Und dennoch durfte ich wieder einiges über meine Grenzen erfahren.
Ich habe mich läuferisch gegenüber dem Vorjahr sicher weiter entwickelt. Doch fehlt es mir noch an Kondition für den Berg. Ich kämpfe mich zwar gut drüber, kann aber auf Dauer mein Tempo nicht halten. Bergab habe ich mich gut gehalten. Ich habe noch nie so intensiv wie hier einen Berglauf betrieben. Ich kam zwar einige Male ins Rutschen, aber spätestens bei unserem letzten Lauf vom Gramai Hochleger zur Gramai Alm war ich schon richtig gut mit den Teleskopstöcken und meiner Bewegung bergab.

Auch habe ich gemerkt wie wichtig ein gutes Team sein kann. Vorallem wenn man ein ähnliches Leistungspotenzial hat und sich gut kompensiert. An Willi Pernold kann ich mich schon sehr gut orientieren. Wir waren bereits beim 24h Burgenland Extrem in einem Team aus dem er damals als Einziger die 120 Kilometer geschafft hat und wofür er meine absolute Hochachtung verdient. Er ist schon ein kleines Vorbild für mich ;-)

Vom Material her war ich viel besser eingestellt als im Vorjahr. Ich bin diesmal mit Trailrunner (zwei Nummern größer) angetreten und was soll ich sagen? Ich habe keine einzige Blase. Im Vorjahr waren mir fast alle Zehennägel ausgefallen und ich hatte eine große offene Wunde an der rechten Ferse. Mit dem richtigen Schuhwerk macht das richtig Freude. Es war herrlich.

Technisch gibt es noch viel zu verbessern, aber es gibt auch Dinge die ich bereits recht gut gemacht habe wie ich finde. Bei den Laufpassagen in der Ebene konnte ich immer sehr gut mithalten. Da gabs konditionell kein Problem.
Wenn man mir aber nach fast 30 Kilometern sagen muss, ich solle doch den Gummisatz von den Teleskopstöcken nehmen, dann deutet das halt noch auf einige Naivitäten hin. Auch die Wahl meines Rucksacks hätte besser sein können. Er war nicht schlecht. Der gleiche vom Vorjahr. Bei dieser Hitze hätte aber mein Runningbag wohl mehr Sinn gemacht.

Ansonsten war der Karwendelmarsch 2016 für mich ein voller Erfolg mit Luft nach Oben. So hart es auch war, aber ich möchte im nächsten Jahr noch einmal antreten. Gratulation auch an Lydia und Franz. Lydia hatte einfach Pech. Sie weis warum. Franz hat nun Karwendelmarsch-Luft geschnuppert. Er weis nun wies läuft und wird mit einer großen Packung Ehrgeiz zurück kehren. Ich denke - Beide können und werden es schaffen die 52 km zu meistern.

Die Strecke des Karwendelmarsch. 52 Kilometer und 2300 Höhenmeter.

FOTOS:

Video:

Infobox:

Karwendelmarsch

Werbegams

...entlang dem Alpenrheinweg
Jakobsweg Wien - Etappe 1

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