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ich, am Weg

22
Ju
Großglockner Berglauf 2017
22.07.2017 18:34

DER HOBBYLÄUFER IN DER BERGLAUF CHAMPIONS LEAGUE 

Wenn man mir vor 10 Jahren gesagt hätte, du wirst 2017 den Großglockner Berglauf laufen, dann hätte ich wohl aus vollem Halse gelacht. Ich, der 90 Kilo Lackel, der nach 2 km keine Luft mehr bekommt, auf der großen Bühne der Berg- und Ultraläufer?! - Natürlich! Träumt weiter!

Wir befinden uns nun in der Gegenwart. - 
Sport ist schon lange kein Fremdwort für mich. Klar, ich bin in vielen Dingen noch sehr naiv und ich muss noch sehr viel lernen, aber ein Blick auf meine Agenda zeigt, dass ich zumindest kein absolutes Frischfleisch mehr bin. 
Red Bull 400, Karwendelmarsch und Vertical Up sind bei Weitem keine Kinderveranstaltungen mehr. Aber der Großglockner Berglauf - ohhh jaaaa - der steht noch einmal eine Stufe über diese. Diese Erfahrung musste ich einfach machen, und es hätte mir wohl niemand abnehmen können, diesen bittersüßen Leidensweg für mich zu entdecken. Aber nun alles Schritt für Schritt erzählt.


Die Vorbereitung

Wer meine Motivation und Trainingsplanung zum Projekt "Großglockner Berglauf 2017" erfahren möchte, dem empfehle ich meinen Eröffnungsbericht zu lesen: ---------- >  ICH, ÜBER DEN GROSSGLOCKNER BERGLAUF

Drei Monate lang habe ich mich mit dem Training für diesen Berglauf befasst. Dabei hat mich Triathlet und Trainer Michael Menzel von projectfit.at begleitet. Es war sicher nicht so leicht für ihn, mein Traumschloss on air zu halten. Immerhin war ich ein klassischer Laufanfänger, mit dem Ziel einen der Bergkönige zu erstürmen. Und mit mir musste er erst einmal mit dem gewöhnlichen Lauf ABC starten. 
Später lernte ich dann auch Gerhard Eder von fitmitrix.at kennen, der eben Triathleten und Sportler betreut, die schon etwas weiter sind und sich im hohen Bereich verbessern wollen. Ähm, also nicht ich. *haha* Trotzdem hatte er weitere wichtige Tipps für mich.
Beide Coaches waren sehr bemüht, mich in diesen drei Monaten so weit wie möglich zu bringen. Wunder würde ich keine vollbringen, aber das war uns allen klar. Aber der Glaube an das Erreichen des Ziels, das Erreichen des eigenen Limits und mehr, den hatte mir niemand nehmen können. 

Für mein Training habe ich ein Onlinetagebuch mit wöchentlichen Feedback geführt. Abgesehen von einer Erkältungspause, habe ich 15 Wochen an diesem Plan festgehalten. Auch hier lade ich Euch ein, einen Blick drauf zu werfen. ---------- > ROAD TO GROSSGLOCKNER BERGLAUF - ONLINE TAGEBUCH

Wer sich jetzt nicht durch 15 Trainingswochen lesen möchte, dem habe ich hier unten eine kleine Collage als Zusammenfassung bereitgestellt. Schon toll so ein best of von sich betrachten zu können, oder?

 


Kurz vor dem Start - die Spannung steigt

Ich war mit meinen Eltern schon einen Tag vorher nach Mittersill angereist. Mittersill liegt im Pinzgautal westlich von Salzburg und damit direkt vor dem Haustor des Nationalparks Hohe Tauern. Den Tag vor dem Berglauf haben wir noch ganz entspannt mit einem Spaziergang verbracht. 
Eigentlich habe ich recht gut geschlafen, obwohl ich natürlich schon aufgeregt bin. Aber so richtig mulmig wird mir erst später, als wir am frühen Morgen mit dem Auto über die Glockner Hochalpenstraße fahren, und ich aus der Ferne erstmals jenes Tal hinauf zum Großglockner sehen kann, wo ich schon sehr bald laufen sollte. Das ist wirklich heftig krass. Ich frage mich tatsächlich für einen Moment, ob ich mich hier nicht übernommen habe. 
Hier wird mir erst bewusst, dass dies nun ein neues Level an sportlicher Intensität für mich wird. Jetzt sehne ich nur noch den Start herbei und möchte es schnell hinter mich bringen.

Wir erreichen die Ortschaft Heiligenblut gegen 8:45. Als Kind haben mich meine Eltern oft hier her mitgenommen, um Urlaub zu machen. Doch noch nie ist mir der Ort so klein und schmal vorgekommen, wie heute. Aber ich habe keinen Kopf für weitere Nostalgie. Ich muss mir noch meine Startnummer holen. Der Start erfolgt westlich von Heiligenblut, nahe der Tennishalle. Diese ist auch gleichzeitig das Check-in des Großglockner Berglaufs. Nervös dränge ich mich in die Halle und hole mir meine Startnummer. Ich befürchtete, ich würde nun noch eine Weile anstehen müssen. Aber dem war nicht so. Ich kam gleich zu meinem Schalter, hatte die Nummer, und alles war gut. Ich streife mir die Startnummer über und blicke auf die Uhr. Es ist kurz vor 9 Uhr. Noch eine Stunde bis zum Start meines Startblocks. Noch in der Tennishalle beginne ich mit dem Aufwärmen und Mobilisieren, so wie es meine Trainer mich gelehrt hatten. Ich nehme mir extra viel Zeit dafür, übertreibe es aber nicht. Ich muss zugeben, ich fühle mich heute sehr gut und agil.

Nun verlasse ich die Tennishalle und bewege mich in die Richtung des Startareal. Hier spielt es sich schon ziemlich ab. Hunderte Läufer, wohin das Auge reicht. Überall stehen auch begeisterte Zuschauer und die Musik des Organisators ertönt im ganzen Tal.
Nun suche ich Berndt, aber ihn findet man sehr leicht in seinem turboschneckenorangefarbenen Outfit. Seine Frau Chris ist auch da. Sie hat den Fotoapparat um den Hals. Yeah, das werden wieder tolle Fotos. Aber auch Franz Bartik ist da, und ich darf ihn mal etwas besser kennenlernen. Meine Eltern stoßen noch dazu und schon haben wir ein nettes Meet & Greet, während die ersten Startblöcke ins Rennen gehen.

Es wird langsam ernst. Franz startet im dritten Startblock und saust los. Nun sind Berndt und ich dran. Der vierte und letzte Startblock wird in das Startareal geleitet. Berndt war die ganze Woche vorher schon aufgeregt und nervös gewesen. Da hatte ich ihn noch beruhigen wollen. Jetzt allerdings bin ich es, der redet wie ein Wasserfall und ihm hundertmal Glück wünscht und auf den versprochenen Zielradler pocht. 
Ja, ich gebe es zu. Jetzt bin ich total nervös. Ich weis aber, nach dem Startschuss wird das verfliegen. Ich habe meine Taktik im Kopf. Ich weis, wie es angehen muss. Ich gehe im Gedanken noch einmal durch, wo ich Gas gebe und wo ich mich einpendeln muss. Ach bitte, startet endlich den Lauf. *gg*


Heiligenblut - hier erfolgt der Start

Franz Bartik, die Fankis und ich

Mobilisieren und Aufwärmen in der Tennishalle

Startnummernausgabe in der Tennishalle


Der Großglockner Berglauf 2017 beginnt...

Es ist 10:00 und unser Startblock darf endlich ins Rennen starten. Und das was ich mir erhofft habe trifft tatsächlich ein. Meine Nervosität verfliegt und ich verspüre plötzlich die pure Freude an diesem Berglauf. Das Wetter ist perfekt. Wir starten bei angenehmen 22 Grad. Die Sonne scheint. Der Himmel reißt auf und man kann den Großglockner sehen. Die Luft ist herrlich, nicht zu trocken, richtig frisch. Besser kann es für mich nicht sein.

Ich fühle mich super, so richtig am Punkt genau fit. Auch das ist oftmals ein Glückspiel. Man kennt ja die gute alte Tagesverfassung. Die simmt bei mir jedenfalls. Ich laufe los und beschließe sofort mit dem Kopf im Hier und Jetzt zu bleiben. Das heißt für mich, ich laufe nach meinem Plan und meiner Taktik. Die ersten zwei Kilometer verlaufen noch recht eben. Trotzdem behalte ich meine Sportuhr im Auge. Ich will nicht schneller laufen als unter einer Pace von 7:00. Die Energie würde ich später noch brauchen. Das ist gar nicht so einfach, denn mir geht es ausgezeichnet und mein Körper sagt, er könnte schneller laufen. Doch ich habe mich im Griff. Ich weis, in wenigen Minuten werde ich an meine Grenzen gehen. Und dann brauche ich diese Kraft.

Ehe wir Heilgenblut verlassen und nach Winkl gelangen, drehe ich mich einmal um. Berndt befindet sich ca. 20-30 Meter hinter mir. Sieht alles so weit ganz gut aus. In Winkel warten immer noch so viele begeisterte Zuschauer, und das, obwohl die Besten der Besten schon längst im Ziel sind. Überall am Wegrand stehen Anrainer die mit selbst gemachten Stärkungen wie Nüsse oder Früchte warten. Danke dafür! Das gibt es auch nicht überall!

In Winkel wartet die erste Serpentine auf Asphalt. Diese nehme ich ohne große Mühe. Sogleich sollte die Winklalm beim Marx erfolgen. Oben angekommen drehe ich mich noch einmal um, und suche nach Berndt. Ich kann ihn aber nicht mehr erblicken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich ihm auf zwei Kilometer bereits so einen großen Vorsprung vorgelegt hatte. Aber dann ist mein Blick schon wieder nach vorne gerichtet, denn es folgt nun der frontale Crash mit der steilen Kräuterwand. Dies ist eine Felskluft und ein Karrenweg führt hier in wenigen Serpentinen nach oben zur Sattelalm und der ersten Labestation. Und bei diesem Anstieg zeigt der Großglockner Berglauf erstmals seine unglaublich scharfen Zähne.

Ich bin nicht gut im Steigungenschätzen, aber ich könnte mir schon vorstellen, dass die hier das steilste Stück bereits knapp 20 Grad aufweist. Hier knallt sogar noch die Hitze zwischen den Bäumen durch und ich schwitze in meinem langen Laufshirt unter meinem gelben kurzen Shirt. Hier kann ich einfach nicht laufen und schalte ich den Steigmodus. Ich überhole einen älteren Herren der ein Asthmagerät in der Hand hält. Er kauert sich stehend in sich und ringt nach Luft. Ich steige zu ihm und frage ihn, ob mit ihm alles in Ordnung sei. Wir steigen einige Höhenmeter zusammen und er kämpft jetzt schon brutal mit der Luft. Wenig später bleibt er stehen und feuert mich an, ich solle ohne ihn weiter gehen. 
Ich machte mir ein klein wenig Sorgen um ihn, denn ich war mir sicher, er würde wohl nicht mehr weiter kommen. Doch ich sehe das sich auch andere nachkommende Teilnehmer um ihn kümmern. Darum blendete ich dies aus und tat, wofür ich gekommen war. Am Kopf der Kräuterwand wartet nach ca. 4.5 Kilometern die Sattelalm (1646 Meter) und die erste Labestelle.


Startblock 1

Auf gehts zur Winklalm

Es hat also begonnen, und ich beginne zu entspannen

der erste (kleine) Anstieg zur Winklalm


Bei der Labestation warten einige motivierte Organisatoren mit Wasser, Isotonic, Orangenscheiben und Bananenstücken auf uns Läufer. Ich kippe mir zwei Wasserbecher sowie ein Isotonic rein und beiße ein eine Orangenscheibe. Das muss reichen. Noch nach nur ca. 30 Sekunden Boxenstopp laufe ich weiter. Die Sattelalm ist sehr angenehm zum Laufen, denn sie verläuft relativ eben, wenn nicht sogar ein bisschen abwärts.
Es geht mir immer noch super und ich liege auch recht gut in der Zeit. In meinem Kopf geistern immer noch die 2,5 Std. als Zielzeit herum. Einstweilen würde es damit noch sehr gut aussehen und ich bin guter Dinge. Doch ich sollte noch nicht wissen, was mich noch erwarten würde. 

Denn dann kommt sie, die erste richtige Ohrfeige an mich frechen und naiven Hobbyläufer. Am westlichsten Ende der Sattelalm führt der Pfad östlich zu den steilen Waldhängen der Stockerscharte. Hier wartet ein richtig großer und wunderschöner Wasserfall auf uns, der die Möll weiter ins Tal schießen lässt. Doch zum Panoramaschauen bin ich heute leider nicht hier. Meine Augen sind auf den plötzlichen Stilbruch der Wegstrecke gerichtet. Denn plötzlich führt ein, nur halben Meter breiter, Pfad über Steinstufen und Wurzelwerk steil bergauf durch den Wald. Teilweise ist dieser Pfad so steil und sperrig, dass er nur mithilfe eines Stahlseils zur Sicherung bewältigt werden kann. Da würde ich gut und gerne auf 25-30 Grad Gefälle tippen. Irre! Hammer! Hier ist natürlich das Überholen verboten. 

Dass wir uns nicht falsch verstehen. Wäre Peter, der Wanderer, jetzt hier, er würde diesen Pfad genießen. Peter, der Läufer, hingegen, will so schnell wie möglich da rauf. Und jetzt wird es erstmals brutal. Ich ziehe mich am Seil vorwärts und steige die Stufen langsam hinauf. Man muss auch aufpassen, wo man hinsteigt. Hier verliere ich nun erstmals an Tempo. Das ständige Umschauen für geeignete Einstiegspunkte kostet Kraft und Energie. Die Felsstufen sind bald geschafft und der Weg wird als üblicher, aber steiler, Waldsteig weiter geführt. Hier besteht zwar keine Absturzgefahr mehr, aber es ist immer noch gewaltig steil für einen Hobbyläufer.

Ich bin richtig froh, das am Ende dieses Aufstiegs die nächste Labestation auf der Trogalm (1874 Meter) wartet. In der Ferne höre ich eine Gruppe von Läufern, wo deren schnellster Anführer ständig "Na los! Aufschließen! Kommt schon!" schreit. Ich denke mir nur, was zur Hölle geht in Euch vor? *ggg* 
Erneut stehen sehr nette und hilfsbereite Leute an der Labestation. Meine Ration sieht genau so aus wie vorher. Diesmal sind es aber drei Becher Wasser. Ich blickte auf die Uhr. Nicht ganz 7 Kilometer hatte ich schon ertrailt und ich stand bei 1 Stunde und 15 Minuten. "Nicht übel" - denke ich mir. Aber ich weis das auf mich noch immer die Pasterze wartet und dieses extreme Schlussstück über den Fels zur Franz-Josefs-Hütte. Also die 2,5 Stunden Marke bröckelt nun davon. 


Nach der ersten Labestation...

...auf der Sattelalm nach ca. 4,5 Kilometer


Als Nächstes folgt wieder ein relativ angenehmes Stück auf einem kleinen Pfad entlang den steilen Hängen des ersten und dritten Leiterkopfs. Weit unter mir plätschert die Möll und ich höre gegenüber des tiefen Grabens auch schon den Verkehr auf der Hochalpenstraße.
Hinter mir läuft eine toughe Bergläuferin, welche aber ständig stehen bleibt und Fotos macht. Zumindest sieht sie so aus wie eine, im positiven Sinne gemeint, Berggämse. Sie müsste doch eigentlich viel schneller sein als ich. Aber sie bleibt hinter mir. Hier gelingt es mir tatsächlich, meine Laufgeschwindigkeit sogar noch einmal zu steigern. Und jedes Mal wenn ich mir denke, jetzt habe ich sie abgehängt, ist die gute Frau wieder nur wenige Meter hinter mir zu finden. Auf dem Weg treffe ich auf zwei junge Streckenposten mit einem Gösser in der Hand. Sie bieten mir, im Spaß, auch eine Dose an. Doch ich sage ihnen, ich müsse mir mein Bier erst verdienen, und laufe an ihnen vorbei.

Und dann folgt das erste richtige Panoramahighlight für mich. Der Weg führt nun wieder leicht nach oben. Und vor mir, am Kopf des Hügels, erkenne ich die Spitze des Großglockners. Und, um so höher ich laufe, desto mehr sehe ich von ihm, und desto mehr scheint es so, als käme er auf mich zu. Und als ich dann endlich am oberen Ende stehe, überwältigt mich dieser Anblick. 
Vor mir sehe ich den Großglockner in seiner Pracht sowie den wunderschönen Margaritzenstausee. Ich sehe auch erstmals das Ziel am linken Hang des Freiwandkopfes, nämlich Kaiser-Franz-Josefs-Höhe. Sie scheint so nah und ist doch so fern.

Doch ich muss weiter. Dieser Anblick gibt mir jedenfalls neue Kraft. Ich rufe meine Freude laut heraus. Das Wanderpärchen, welches ich laufend überhole, schmunzelt nur freundlich. Nun geht es etwas leicht bergab. Der Weg führt südwestlich vorbei am Stausee, wo auch schon die 3. Labestation (2005 Meter) wartet. Ich lache noch freundlich in die Kamera und freue mich schon auf eine weitere Stärkung. Erneut tanke ich Wasser und Isotonic. Hunger verspüre ich keinen. Es wäre mir wohl ohnehin wieder hochgekommen, denn ab diesem Zeitpunkt ist es vorbei mit der Zuversicht. Es folgen die härtesten, intensivsten, extremsten Höhenmeter meines Lebens.


Laufen am Arnoweg...

der Stausee der Möll

...beim Stausee vor der Pasterze

Sportograf Impressionen


Es beginnt mit dem Aufstieg auf den Elisabethfelsen auf 2156 Meter. Und hier frage ich mich zum ersten Mal wirklich: "Was hat das noch mit Laufen zu tun?" Warum ich mich das frage? Auf dem Weg nach oben zum Felsen liegen massenhaft Felsbrocken und Geröll im Weg. Teilweise kann man den schmalen Weg, er ist nur durch die rot-weis-rote Markierung ersichtlich, nicht mehr erkennen. Einige Felsbrocken sind so hoch, dass ich mich mit den Armen nach oben ziehen muss, um die nächste Stufe nehmen zu können. Es hat eindeutig die Charakteristik von Bergwandern. Aber Laufen? Ich frage mich wie die Vollprofis hier hochjagen. Weil so richtig laufen, kann man hier kaum.

Ich starre auf die Uhr. Über zwei Stunden bin ich schon auf der Piste und mir wird schmerzlich klar, heute wird das nichts mehr mit 2,5 Stunden. Ich sehe zwar schon das Ziel und ich höre schon die Moderation samt Musik, aber ich weis ganz genau das mir das schwierigste Stück überhaupt noch bevorsteht. Somit verabschiede ich mich von meinen, jetzt gefühlt, utopischen Vorhaben. Jetzt will ich nur noch oben ankommen.
Ich "klettere" auf den Elisabethfelsen und merke, wie meine Kraftreserven langsam angeknabbert werden. Diese ständige Konzentration und das Steigen rauben mir enorm viel Kraft.

Nun taucht der mächtige Sandersee vor mir auf und es geht wieder leicht talwärts. Eine Wohltat für die Beine. Ich laufe den steilen, steinigen Weg abwärts. Phasenweise muss ich stoppen und vorsichtig abwärtssteigen, weil Sprünge hier wohl nicht die beste Methode wären. Hier könnte man sicher leicht einmal umknicken oder sich das Schienbein an einem Felsen anschlagen. Die Wegpassage um den Sandersee ist eben. Hier mache ich wieder einige Meter gut, indem ich sie brav durchlaufe. Aber langsam werde ich müde. Ich höre zwar aus der Ferne schon die Musik aus dem Zielgelände, aber mir kommt vor, ich entferne mich immer weiter davon, als das ich ihm näherkomme.

Und in der Tat ist es so. Nach dem Sandersee bewegt man sich tatsächlich noch einmal weg vom Ziel. Es wartet nämlich ein weiterer Felsklotz, der erklommen werden möchte. Und es ist ähnlich wie beim Elisabethfelsen. Erneut ist der Pfad nicht breiter als ein halber Meter. Teilweise klettert man ziemlich ausgesetzt auf dem Stein herum. Wäre nicht immer mal ein Holzklotz mit der rot-weis-roten Markierung in den Fels geschlagen, man wüsste kaum wo Weg und wo Gelände ist. Ich habe nun mehr als 10 Kilometer zurückgelegt. Die Uhr sagt bereits jetzt 2,5 Stunden an. Wie hätte ich das schaffen sollen? Dieser Tripp durch das Gelände ist jetzt schon so brutal. Aber das Heftigste würde ja noch kommen.

Ich klettere wieder, stellenweise, mit Armen und Beinen aufwärts und hoffe das mir der Blick auf die Pasterze einen letzten Pusch gibt. Ich habe sie jahrelang nicht mehr gesehen und freue mich auf ihren Anblick. Ich bin froh, eine Sonnenbrille zu tragen, denn ihr schneegrelles Antlitz würde mich sicher blenden und zum Erblinden bringen. 

Doch was ich dann sah, löste in mir große Traurigkeit aus....


Nein, das ist kein Witz! Da gehts rauf! - Klick zum vergrößern

Über den Elisabethfelsen (Bildmitte) weiter zum Sandersee

Nach dem Sandersee wartet noch eine weitere Kletterpartie

Ein sportograf.com Kunstgemälde

Es wird immer heftiger

Auf über 2000 Meter hat es nur noch 3 Grad Plus


Da stehe ich nun. Kurz vor der letzten Labestation (2120 Meter) mit dem Blick auf die Pasterze. Doch anstatt die schönen dunkelblauen Felsspalten zu bewundern, welche mir als Kind hier in Erinnerung geblieben sind, sehe ich nur Pfützen und Schlamm. Das ist hart!
In nur 10 Jahren, so lange war es her, ist fast die Hälfte der Pasterze weggeschmolzen. Und da soll man noch einmal sagen, es gibt keinen Klimawandel. Es erschreckt mich nahezu. Man ist nur ein kleines Sandkorn im Tal der Pasterze. Sie ist so mächtig groß, doch alles, was blieb, ist eine Wüste aus Kies und braungrauen Eisabfluss. 

Ich verliere für einen Moment den Fokus. Das wirft mich tatsächlich kurz aus der Bahn. Und jetzt, wo ich kurz Zeit zum Nachdenken habe, mache ich eben genau den Fehler, dass ich nachdenke. Denn jetzt fällt mir plötzlich auf, wie eiskalt es hier oben ist. Wir waren ja schon morgens über die Hochalpenstraße gefahren. Da hatte es schon nur 1 Grad über 0. Später würde ich herausfinden, das es tatsächlich 3 Grad Plus waren. Das ist nicht gut! Ich bin angezählt, müde, verschwitzt und nun kommt die klirrende Kälte dazu. Das ist eine komplett neue Erfahrung für mich. Wenn ich auf über 2000 Meter wandere, dann bin ich vorbereitet. Diesmal habe ich keine Jacke dabei!

Oh Mann! Es ist so saukalt hier oben. Ich habe keine Jacken- oder Hosentasche, wo ich meine Hände schützen könnte. Beide Handrücken sind ausgetrocknet und starr vor kälte. Instinktiv schütze ich meine Handflächen in den Achselhöhlen. Das Problem ist aber, ich brauche die Hände zum Abstützen am Fels. So kaputt ich auch bin, freundliche Leute empfangen mich bei der Labestation und ich kann mich ein letztes Mal stärken. Man drückt mir eine halbe Banane mit einem Klecks Schoko in die Hand. Ich habe überhaupt keinen Hunger, aber der Zucker wird mir jetzt sicher gut tun. Ich trinke 5 Becher Isotonic und blicke nun gebannt auf den Anstieg des letzten Kilometers empor.

Verdammt noch einmal! Es ist doch nur ein Kilometer! Aber ich stehe vor einer Felswand die mich unweigerlich an die Skiflugschanze am Kulm erinnert von der Neigung her. In den Stein geschlagene Stufen formen einen Serpentinenweg nach oben zur Franz-Josefs-Höhe. Ich sehe dort Menschen wie Ameisen dort hochklettern. Ich will es einfach nicht glauben, dass ich da noch hoch muss.
Mir ist tatsächlich zum Heulen, doch das hebe ich mir fürs Ziel auf. Wie in Trance beginne ich diese Stufen nach oben zu steigen. Langsam und mühevoll komme ich voran. Das Ziel will einfach nicht näherkommen. Als einer der Letzten in diesem Startblock ist vor mir und hinter mir nicht mehr soviel los. Das ist aber auch gut so, denn auf diesen Steinstufen kann man nicht überholen. Und ich bin froh das hinter mir niemand ist, den ich nun nicht vorlassen könnte. 

Auf den letzten 500 Metern passiert schon alles wie in Trance. Ich blicke nach oben zum Geländer des Zielraums und erkenne dort Chris aber auch Berndt. Berndt? Er hatte mich nicht überholt. Ergo musste er aufgegeben haben. Das erklärt auch, warum ich ihn hinter mir nicht mehr sah. Doch neben ihnen stehen weitere Personen, die mir zuwinken. Es sind meine Eltern. Alle feuern mich an, aber ich höre nicht mehr was sie sagen. Mir geht es nicht besonders gut, aber ich will nicht das sie sich Sorgen machen. Darum hebe ich einige Male die Arme, um ihnen sporadisch zu winken. 

Dann folgt der Kick, der mich kurz wieder wach rüttelt. In Trance steige ich nämlich einmal neben die Stufe und verliere kurz das Gleichgewicht. Ich kann aber den Sturz noch verhindern. Neben mir geht es einige Meter ziemlich felsig hinab. Das wäre wohl nicht so schön gewesen. Doch dieses kleine Schockerlebnis hat mich aus der Trance befreit. Gleich bin ich oben. 
Ich sehe bereits die Mauer der Franz-Josefs-Höhe vor mir und ich erkenne nun meine Eltern und die Fankis Berndt und Chris recht deutlich. Vor mir taucht nun der Moderator mit dem Mikrofon auf. Er empfängt mich mit den Worten: "Und hier ist ein weiterer Kämpfer". 
Er fragt mich, wie es mir ergangen ist. Trotz Erschöpfung finde ich klare Worte. Ich schnappe mir das Mikrofon und spreche meinen Dank gegenüber den Organisatoren aus. Als man dies vernimmt, wird auch die Musik kurzzeitig ausgeschaltet. Ich bedanke mich also bei der Organisation, denn das war mir wirklich ein Anliegen gewesen. Der Moderator bedankt sich bei mir und macht noch ein Selfie mit mir und dem Glockner im Hintergrund. Wir umarmen  uns und ich darf nun die letzten Meter ins Ziel laufen.

Durch das kurze Stehen werden plötzlich noch Restenergien frei und ich laufe bis zu den Holzstufen, welche auf die Rampe führen. Die Rampe ist eine Asphaltstraße, welche direkt ins Ziel und auf die Franz-Josefs-Höhe führt. Doch nun ist die Energie wieder dahin. Ich taumel einige Meter entlang. Ich höre, dass man mich anfeuert, aber das passiert alles Abseits von mir. Ich habe die ganze Rampe für mich alleine. Ich sehe wie die Fotografen und auch Berndt im Ziel auf mich warten. "Na komm Peter" sage ich zu mir. "Jetzt noch ein kleines Joggerl ins Ziel für die Presse."  

Ich setze zu einem letzten Laufschritt an und erreiche nach 3 Stunden und 15 Minuten sowie 44 Sekunden das Ziel.


Das ist alles was von der Pasterze noch übrig ist! Einfach nur traurig!

Es ist einfach nur noch brutal

Nur noch einmal Treppen steigen, dann....

Der letzte brutale Kilometer ins Ziel

Hier denkt und fühlt man gar nichts mehr

...ist es endlich geschafft!


EMOTIONEN PUR !!!

Der Punkt, auf den wohl die meisten von Euch gewartet haben oder? *haha* Bitte schön! Alles unverblümt und ungeschnitten.

Ich taumel also ins Ziel. Ich bekomme eine gelbe Decke überreicht. Danach sehe ich nur Schwarz. Hat man mir die Decke umgelegt? Ich weis es nicht. Ich weis nur das ich plötzlich von den Emotionen überwältigt werde und ich es nicht mehr aufhalten kann. Ich fange richtig brutal zu schluchzen an. Ich merke nur das man mich am linken Arm packt und mich weg vom Ziel führt. Ich höre die Stimme von Berndt, der mir zu dieser Leistung gratuliert und sehr stolz auf mich ist. Dann bleibe ich neben dem Ausgang des Zielbereichs stehen. Dort wartet mein Vater auf mich und nimmt mich in den Arm. Das war wohl so ein Moment von Glocknerkönig zu Glocknerkönig. Ich heule noch immer.

Dann kommen auch meine Mutter und Chris dazu. Chris hat eine Flasche mit Wasser und einen Becher Tee in der Hand und fragt mich öfter, ob ich was trinken will. Ich bekomme keine Luft, merke, wie es mich hinten in die Rippen drückt. Ich will was sagen, kann es aber nicht. Meine Mutter führt mich nun direkt auf die große Terrasse der Franz-Josefs-Höhe und wir setzen uns auf ein Steingebilde. Langsam bekommt das Leben um mich herum wieder Farbe.

Jetzt fällt mir auch auf das ich die Finishermedaille um den Hals trage. Wann habe ich diese denn bekommen? Egal!
Langsam erhole ich mich und ich kann auch endlich wieder etwas sagen. Meine ersten Worte waren "Bist du deppat" *gg* Nun habe ich wahrlich nichts gegen Tee und Wasser einzuwenden.
Nun erzählt mir Berndt, das er nach 2 Kilometern aufgeben musste, da er sich nicht fit genug fühlte für den Anstieg. Nun kann ich mich langsam wieder erheben und meine ersten Schritte machen. Meine Regeneration funktioniert wirklich beachtlich schnell. Ich merke mit jedem Atemzug, wie ich wieder zu Kräften komme und kann schon sehr bald wieder lachen und meine ersten Witze machen. Doch was hier gerade passiert ist, das werde ich wohl nie in meinem Leben vergessen.


Der Moment, als alles vorbei ist

Trotz Brille - diese Tränen sind echt!

So kaputt war ich noch nie

Hier denkt man noch nicht an das Geschaffte

Ich kann kaum noch stehen

Berndt war gleich zur Stelle

Auch da muss man nichts weiter dazu kommentieren

Langsam realisiere ich was da gerade passiert ist


ABFEIERN IM KREISE DER FREUNDE UND FAMILIE

Nach einer halben Stunde bin ich natürlich wieder voll auf dem Dampfer. Alles ist wieder gut. Meine Beine machen auch keine Probleme. Ich fühle mich zwar müde, klar, aber ich bin völlig klar im Kopf und bereit für die anschließende kleine Feier.

Oben am dritten Deck der Franz-Josefs-Höhe treffen wir auch auf den Steirabua`Michael "Hotti" Hotter und seine Crew. Wir sitzen nahe am Heizstrahler um uns aufzuwärmen. Man muss sich das Mal vorstellen. Es ist Juli, und wir sitzen am Heizstrahler. *haha*

Als Teilnehmer bekomme ich einen Essensgutschein. Aber irgendwie wird auf den nicht mehr geschaut und wir können uns noch richtig gut verköstigen. Die Besten der Besten sind ja schon längst wieder in Heiligenblut bei der Siegerehrung und viele schon am Weg nach Hause. Aber das macht nichts. Wir genießen noch einige tolle Blicke auf den Glockner, der sich heute wirklich von seiner besten Seite zeigt. 

Nach einiger Zeit des Plauderns und Erzählens heißt es aber dann Abschied nehmen. Aber nur auf Zeit natürlich. Meine Fankis, oder Schneckis, Chris und Berndt brechen nun nach Zell am See auf. Dort wartet ihr verdienter Urlaub. Und Berndt nimmt eine Woche später am Weißsee Gletscherwelt Trail teil. Ich wünsche ihm, dass er dort seine verdiente Finisher Medaille holt. Er hat sich so auf den Glockner Berglauf gefreut, aber wenn der Körper nicht will, dann sollte man auf ihn hören.

Für mich und meine Eltern geht es nun auch zurück nach Mittersill. Wir steigen ins Auto und fahren über die Glockner Hochalpenstraße wieder zurück nach Ferleiten und.... äh.... halt.... so ganz stimmt das nicht.
Wir fahren noch hoch zur Edelweissspitze und genießen das Alpenpanorama des Nationalparks Hohe Tauern. Und wer mag nicht im Sommer auf fast 2600 Meter Höhe eine Schneeballschlacht machen? 

Am Abend feierte ich noch mit meinen Eltern in unserer Gasthofpension in Mittersill bis in die frühen Morgenstunden.

Aber das ist eine andere Geschichte... und soll ein anderes Mal erzählt werden... oder wohl besser nie! *hihi*

ACHTUNG: Mein Fazit zum Lauf verrate ich Euch am Ende zum Video Clip des Großglockner Berglaufs 2017 unten
 


Mein Lieblingsfoto vom gesamten Tag

Auch der Steirabua´Michael "Hotti" Hotter hat es geschafft

Es ist also vollbracht

So sitzen wir alle noch zusammen und genießen die Aussicht

Hallo Großglockner

Finisher Medaille


Infobox:

Großglockner Berglauf
Sportograf.com

Die Fotos vom Bewerb stammen von sportograf.com, Josef Ofner, Berndt & Chris Fankhauser!!!
 

Karte:

Video:

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